Wie geschlechtergerecht ist die landwirtschaftliche Bildung?
In der Schweizer Landwirtschaft besteht weiterhin eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Mögliche Ursachen dafür sind auch in der Ausbildung zu suchen. Dem hat sich die Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in einem Forschungsprojekt gewidmet. Dabei hat die Projektgruppe Unterrichtsunterlagen unter die Lupe genommen, einen Leitfaden für geschlechtergerechten Unterricht entwickelt und in Workshops alternative Ausbildungsstrukturen diskutiert.
Männlich geprägte Unterrichtsunterlagen
Zunächst wurden 400 Lehrmittel (Bücher, Arbeitsblätter, Präsentationen etc.) aus den landwirtschaftlichen Ausbildungen nach drei Arten von Rollen untersucht:
- landwirtschaftliche Rollen (Landwirt/in; Betriebsleiter/in, etc.)
- familiäre Rollen (Mutter, Vater, etc.)
- landwirtschaftsnahe Rollen (Tierärztin / Tierarzt; Berater/in, etc.)
Anschliessend wurden alle Nennungen dieser Rollen nach ihrem sprachlichen Geschlecht (weiblich, männlich, neutral) sortiert.
In den Dokumenten überwiegen weiterhin männliche Nennungen. Zwar zeigt sich eine Tendenz hin zu neutralen Formen (z.B. «betriebsleitende Person» oder «die Betriebsleiterin / der Betriebsleiter»). Weibliche Nennungen ohne begleitende männliche Form sind jedoch weiterhin selten. Sie kommen fast ausschliesslich im Bildungsgang Bäuerin / bäuerlicher Haushaltleiter in der klassischen Rolle der «Bäuerin» vor. Dies gilt für die deutschsprachigen und für die französischsprachigen Unterrichtsunterlagen (siehe Abbildung).
Resultate der Dokumentanalyse (deutsch- und französischsprachige Unterrichtsunterlagen) aus verschiedenen Ausbildungsgängen (Landwirt/in EFZ, Bäuerin / bäuerlicher Haushaltleiter FA, Betriebsleiter/in FA) bezüglich Verwendung von männlichen, weiblichen, neutralen Formen (z.B. «Betriebsleiterin / Betriebsleiter») oder der Verwendung des Ausdrucks «Person» (z.B. in «betriebsleitende Person»).
Neuer Leitfaden
Weiter hat die HAFL in Zusammenarbeit mit verschiedenen Lehrpersonen und einer Begleitgruppe einen Leitfaden für geschlechtergerechten Unterricht entwickelt. Dieser schlägt mit guten Beispielen aus bestehenden Unterrichtsunterlagen sprachliche Formulierungen vor. Diverse gelungene Bilder thematisieren hilfreiche Aspekte der Bildauswahl. Zudem finden sich Hinweise für eine geschlechtergerechte Unterrichtspraxis und Schulkultur. Dieser Leitfaden kann hier heruntergeladen werden: Er unterstützt Lehrpersonen und Schulleitungen konkret bei einem geschlechtergerechteren Unterricht.
Visionen für andere Ausbildungsstrukturen
Schliesslich wurde an verschiedenen Workshops mit Personen aus der Landwirtschaft über alternative Ausbildungsstrukturen diskutiert. Die Teilnehmenden haben zunächst eine Vision für die Landwirtschaft im Jahr 2040 skizziert. Basierend darauf haben sie Visionen für zukünftige Ausbildungsstrukturen entwickelt. Die Ergebnisse wurden anschliessend zu zwei visionären Ausbildungsstrukturen zusammengefasst und zu einer dritten Vision weiterentwickelt. Diese Visionen dienen als Anregung für laufende und künftige Diskussionen zum Thema.
Insgesamt zeigt das Projekt «Reproduktion von Geschlechterungleichheit durch die landwirtschaftliche Bildung», welches vom Eidg. Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) und vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) finanziert sowie den Praxispartnern AGRIDEA und INFORAMA begleitet wurde: Sowohl bei den Unterrichtsmaterialien als auch bei den Ausbildungsstrukturen besteht für eine geschlechtergerechte landwirtschaftliche Bildung noch Verbesserungspotenzial.
Das Projekt basiert auf einer Handlungsempfehlung der BLW-Studie «Frauen in der Landwirtschaft» aus dem Jahr 2022.
Weiterführende Informationen
Inhaltsverzeichnis
Weitere Themen

Frauen in der Landwirtschaft
Frauen prägen die Landwirtschaft durch ihre vielfältigen Tätigkeiten auf dem Hof und im Haushalt wesentlich. Haben Sie gewusst, dass das BLW umfassende Studien zu Frauen in der Landwirtschaft durchführt?

Monitoring Bauernfamilie
Seit dem Jahr 2000 führt das Bundesamt für Landwirtschaft ein Monitoring durch - auch zu den sozialen Auswirkungen der Agrarpolitik auf die Bauernfamilien.

Landwirtschaftliches Einkommen
Die wirtschaftliche Lage der Landwirtschaftsbetriebe wird nach Landwirtschaftsgesetz beurteilt. Dazu erfasst Agroscope mit der Zentralen Auswertung Buchhaltungsdaten jährlich das landwirtschaftliche Einkommen.
.jpg?w=1024&auto=format)